Daniela Steffen-Oschkinat
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Leave no one behind!

01. Juni 2026
Getrennt durch viele Kilometer, verbunden durch ein gemeinsames Ziel. In ihrer Krankenhauspartnerschaft setzten sich das katholische Cardinal Rugambwa Hospital in Tansania und das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf für die Verbesserung der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung und Epilepsie ein. In der aktuellen Projektphase stehen unter dem Titel „Leave no one behind“ die Themen Endstigmatisierung, Aufklärung und Zugang zur medizinischen Versorgung im Fokus.
Mut – das ist es, was das Cardinal Rugambwa Hospital (CRH) in Daressalam mit seinem Engagement beweist. Trotz politischer Instabilität, unterdrückter Opposition und massiven Unruhen nach den Wahlen im vergangenen Herbst wird hier ein unermüdlicher Beitrag für eine bessere Versorgung und Integration von Menschen mit Behinderung geleistet. Aus Deutschland wird das katholische Cardinal Rugambwa Hospital dabei vom Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf (EKA) unterstützt. Seit 2017 verbindet die beiden Krankenhäuser eine Krankenhauspartnerschaft. Initiiert wurde sie vom damals amtierenden Chefarzt des Epilepsie-Zentrums, Dr. Stefan Stodieck, im Rahmen der Städtepartnerschaft Hamburg-Daressalam.
Schon beim ersten Besuch einer Delegation aus dem EKA im CRH zeigte sich, dass beide Kliniken, neben ihrer gemeinsamen christlichen Ausrichtung, ein zentrales Anliegen verbindet – die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Behinderung und Epilepsie. Inzwischen kann auf viele Erfolge geblickt werden:
„Die Krankenhauspartnerschaft hat die Versorgungsqualität für Patient*innen mit Epilepsie und anderen Behinderungen erheblich verbessert. Durch Schulungen, Mentoring und Austauschbesuche im EKA hat unser Team praktische Fähigkeiten in den Bereichen Diagnose, Behandlung und Rehabilitation erworben. Die Reha-Station im Krankenhaus wurde mit finanzieller und technischer Unterstützung durch das EKA gestärkt, sodass wir nun mehr Patient*innen auf strukturierte und professionelle Weise versorgen können. Außerdem hat sich die Teamarbeit verbessert, die Dokumentation wurde optimiert und die Aktivitäten zur Einbindung der Gemeinschaft wurden verstärkt“, erzählt Sr. Dr. Sarah Deogratius, Leiterin des Cardinal Rugambwa Hospital. Sr. Dr. Deogratius ist es besonders wichtig, dass die Versorgung mit Mitgefühl, Würde und hohen ethischen Werten erfolgt. Unter ihrer Leitung hat das Krankenhaus den Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung für schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen, insbesondere für Kinder und Patienten mit chronischen Erkrankungen, erheblich verbessert.
Die aktuelle Projektphase der Krankenhauspartnerschaft zwischen CRH und EKA wird durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gefördert. Noch bis Ende 2026 wird unter dem Leitspruch „Leave No One Behind“ das Thema Epilepsie stärker in den Fokus genommen. Insbesondere in der armen Bevölkerung in Tansania, die den Großteil der Patient*innen des CRH ausmacht, gibt es einen großen Bedarf an spezialisierten Angeboten für diese Krankheit. Die Wahrscheinlichkeit, in Tansania an Epilepsie zu erkranken, ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Grund dafür sind in Deutschland vermeidbare Ursachen, wie strukturelle Hirnschäden durch Infektionen, parasitäre Erkrankungen oder Geburtskomplikationen. Gleichzeitig gibt es für Betroffene viele Hürden: Sie sind häufig Vorurteilen ausgesetzt, aus Angst oder Scham wird medizinische Hilfe oft nicht in Anspruch genommen, manche Betroffene werden von ihren Familien sogar verborgen.
„Vorurteile und Stigmatisierung sind nach wie vor große Herausforderungen“, erzähltSr. Dr. Sarah Deogratius. „Wir begegnen diesem Problem durch kontinuierliche Aufklärung der Bevölkerung, Sensibilisierungskampagnen und Beratung für Patient*innen und Familien. Wir sind bemüht das Verständnis dafür zu fördern, dass Epilepsie eine Krankheit ist und dass Menschen mit Behinderung Respekt und Chancengleichheit verdienen. Schritt für Schritt sehen wir Veränderungen in den Einstellungen“. Ein zentraler Punkt war dabei die Einbindung religiöser und lokaler Führungspersonen. Da sie innerhalb der Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen und großes Vertrauen genießen, wurden sie gezielt als Multiplikator*innen für Inklusion und Aufklärung geschult. Heute tragen sie aktiv dazu bei, Stigmatisierung abzubauen und betroffene Kinder frühzeitig an das Krankenhaus zu vermitteln.
Eine weitere Hürde für Betroffene ist das Fehlen einer guten öffentlichen Verkehrsanbindung. Das CRH zählt zu den wenigen Einrichtungen in der Region, die auf die Versorgung von Menschen mit Epilepsie und Behinderung spezialisiert sind. Der Weg dorthin ist für viele Familien lang. Es fehlt an Autos, Gehhilfen oder Rollstühlen. So wurde in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Führungspersonen ein sogenanntes Reach-out-Team aus Therapeut*innen, Ärzt*innen und Pflegekräften aufgebaut. Das Team besucht regelmäßig Gegenden, in denen viele Familien leben, die selbst nicht zur Reha-Unit kommen können.
Auch Eltern und Betreuungspersonen sind beim Thema Aufklärung und Sensibilisierung eine zentrale Zielgruppe des Krankenhauses. Das Fachpersonal am CRH beobachtet immer wieder, dass es Eltern und Betreuungspersonen von Kindern mit Behinderung an Unterstützung fehlt und sie sich im Umgang mit der Erkrankung ihrer Kinder überfordert oder ängstlich fühlen. Im Rahmen eines Community-Meetings für Eltern und Betreuungspersonen wurden Familien im Rahmen des „Leave no one behind“-Projekts daher umfassend informiert und begleitet. Neben der Aufklärung über die Krankheit, stand die emotionale Unterstützung im Mittelpunkt. Zudem wurden die verfügbaren Gesundheits- und Reha-Angebote am CRH vorgestellt, Techniken der häuslichen Pflege vermittelt und Möglichkeiten aufgezeigt, weiteren Beeinträchtigungen vorzubeugen. Auch Themen wie eine gesunde Ernährung und Bildungschancen für Kinder wurden behandelt.
Sr. Dr. Sarah Deogratius und Ihre Kolleg*innen blicken mit stolz auf die letzten zwei Jahre der Krankenhauspartnerschaft: „Besonders stolz sind wir auf das verbesserte Wissen und Selbstvertrauen der Mitarbeitenden, den Aufbau und die Stärkung der Reha-Unit und das wachsende Bewusstsein in der Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen. Vor allem sind wir stolz darauf, dass viele Kinder und Erwachsene nun eine bessere und würdigere Versorgung erhalten.“
Aber es ist keine Zeit, sich auszuruhen. Das CRH und das EKA arbeiten gemeinsam weiter an einer inklusiven Gesundheitsversorgung. Eine weitere Besuchsreise einer Hamburger Delegation nach Daressalam steht noch an. Dabei sollen Ärzt*innen, Logo- und Ergotherapeut*innen vor Ort gezielte Schulungen im Train-the-Trainer-Prinzip zu Epilepsie im Kindes- und Erwachsenenalter erhalten, um das Therapieangebot im CRH weiter zu optimieren.
Zudem soll die Reha-Unit im CRH mit einem Neubau erweitert werden, um der gestiegenen Patient*innenzahl gerecht zu werden. Damit eröffnen sich auch neue Möglichkeiten der Diagnostik und Versorgung der Betroffenen.

